Militärisch kann Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin kaum noch punkten, aber im Informationskrieg spielt er mit. Und das geschickter, als es auf den ersten Blick scheint. Warum dem Nörgler niemand den Mund verbietet? Weil er für Putin wichtige Zwecke erfüllt.
Prigoschins Rolle im Informationskrieg
Wenn es um Schlagzeilen aus dem Kriegsgeschehen geht, liefert Jewgeni Prigoschin verlässlich. Schimpft der Söldnerchef über „Bastarde“ oder „Arschkrampen“, kann man inzwischen davon ausgehen, dass die Tiraden nicht auf Ukrainer zielen, sondern sich gegen die eigene, russische Seite richten. Seit Monaten liefern der Chef der Militärfirma Wagner und die Führung der russischen Streitkräfte sich einen Kampf um die Deutungshoheit der Gefechtslage.
Prigoschins Medienstrategie
Der Vorteil Prigoschins: Er bespielt sehr erfolgreich diverse Medienkanäle im Internet und kann sicher sein, dass seine Behauptungen sich von dort weiter verbreiten. Kamen seine Männer in Bachmut nicht vorwärts, dann lag es auf Telegram an fehlender Munition. Stoßen nun gegnerische Kämpfer in Belgorod vor, dann ist laut Prigoschin das „Chaos“ im Verteidigungsministerium schuld. Schließlich erwägt er, dort selbst einzugreifen: „Wir warten nicht auf Einladung.“
Prigoschins Anschuldigungen gegen die russische Armee
Am Wochenende warf Prigoschin der russischen Armee vor, eine Straße vermint zu haben, über die sich seine Leute aus der Stadt Bachmut zurückziehen mussten. Zudem hieß es, es sei auf die Abziehenden geschossen worden. Passend zur Anschuldigung gibt es ein Video mit einer „Befragung“ des Kommandeurs der 72. Brigade der russischen Truppen. Diese Einheit hat ebenfalls um Bachmut gekämpft. Und so sieht es aus, wenn Wagner-Leute einen Kommandeur der verbündeten russischen Truppen „befragen“: Roman Venevitin steht, statt in Uniform mit einer Steppjacke bekleidet, von einer Funzel beleuchtet in einem Verschlag und hat eine bemerkenswert blau-rot-geschwollene Nase, was auf Misshandlungen mit Knochenbruch hindeutet. Die Fragen beantwortet er einsilbig und leise. Er habe betrunken auf ein Auto gefeuert, das zur Wagnertruppe gehörte, sagt der Militär. Der Grund dafür sei „persönliche Abneigung“ gewesen. Aus demselben Grund habe er mit zehn bis zwölf eigenen Leuten eine Schnelle Einsatztruppe der Söldner entwaffnet. Wie sein Verhalten zu beurteilen sei, fragt die Stimme hinter der Kamera. „Schuldig.“
Prigoschins Rolle als Schnellgerichtsverfahren der Marke Wagner
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass es sich bei der „Befragung“ wohl eher um eine Art Schnellgerichtsverfahren der Marke Wagner handelt, und der vermeintlich Angeklagte gerade in allen Punkten gestanden hat. Was ihn daraufhin als „Strafmaß“ in den Händen der Söldner erwartet, lässt sich nur erahnen. Als Beleg für die Kritik Prigoschins, dass ihm die russische Armee beim Abzug in den Rücken fällt, sind die Aussagen des offenbar gefolterten